Das Signet für verlässlich geöffnete Kirchen
1. Entwicklung des Signets ...
im Fachausschuss Kirchen- und Klostertourismus des Fachgebietes „Kirche im Tourismus“ im Haus kirchlicher Dienste der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers.
Ausgangspunkt der Überlegungen des Ausschusses, dem neben Mitarbeitern des Fachgebietes Experten aus Tourismus und Kirche sowie der Klosterkammer Hannover angehörten, war die Tatsache, dass es immer mehr geöffnete evangelische Kirchen gab. Seit Anfang der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts war der Wunsch, Kirchenräume zu betrachten und zu erleben, nicht nur im touristischen Bereich gewachsen. Immer mehr Citykirchen öffneten ihre Türen und entwickelten flankierende Angebote, im ländlichen Raum war der Hinweis, wo der Kirchenschlüssel zu bekommen sei, ein erster Schritt zur regulären Öffnung der Kirche.
Mit dem Signet für verlässlich geöffnete Kirchen sollte nun eine Infrastruktur des gegenseitigen Austausches und der Öffentlichkeitsarbeit geschaffen werden. An einem einheitlichen Symbol sollten Reisende auf einen Blick erkennen können, dass eine verlässlich geöffnete Kirche als „Raststätte für die Seele“ auf sie wartet.
Bei der Entwicklung der Standards für „verlässlich geöffnete Kirchen“ sollte sowohl dem Kriterium der Verlässlichkeit und möglichst weit reichender Öffnungszeiten Rechnung getragen, als auch möglichst vielen Gemeinden die Beteiligung ermöglicht werden. Zu hohe Standards, etwa ganzjähre Öffnung und personelle Begleitung, hätten Kirchen in ländlichen Gebieten ausgeschlossen. Auch von weiter gehenden Wünschen, etwa nach einer öffentlichen Toilette in oder an der Kirche oder Verpflegungsangeboten wurde während der Beratungen Abstand genommen. Es blieb der Anforderungskanon, der heute noch gilt (siehe hier).
Finanziert durch die Klosterkammer Hannover wurde 1999 ein Ideenwettbewerb ausgeschrieben und das heutige Signet für verlässlich geöffnete Kirchen der Grafikerin Petra Hille-Dallmeyer aus Oyten unter vier Vorschlägen von einer Jury aus Kirche, Tourismus und ADAC ausgewählt. Dabei entschied sich die Jury bewusst für das Zeichen ohne Schriftzug, um den Kirchengemeinden präzisere Angaben zu ihren Öffnungszeiten in der Nähe des Signets zu ermöglichen.
Im Mai 2000 wurden die ersten 75 Signets für verlässlich geöffnete Kirchen an Kirchengemeinden in der Lüneburger Heide verliehen, überwiegend Landgemeinden, die ihre Kirche unbewacht offen halten. Landessuperintendent Hans-Hermann Jantzen, Schirmherr des Projekts, machte in dem Gottesdienst in der Lüneburger St. Johanniskirche deutlich: „Wir öffnen unsere Kirchen nicht als Museum. Sie sind Orte der Besinnung und Begegnung, geistlich geprägte Räume in denen lebendige Gemeinden leben.“
2. Verbreitung des Signets für verlässlich geöffnete Kirchen in Deutschland
Es wäre wünschenswert, in ganz Deutschland ein einziges eingeführtes Hinweisschild für offene Kirchen zu haben. Dennoch entschied sich der Fachausschuss für Kirchen- und Klostertourismus zunächst für die Einführung in den Kirchen der Konföderation evangelischer Kirchen in Niedersachsen (außer Schaumburg-Lippe). In folgenden Landeskirchen gibt es inzwischen das Signet:
- In der Hannoverschen Landeskirche
- In der Braunschweigischen Landeskirche
- In der Oldenburgischen Landeskirche
- In der Kirchenprovinz Sachsen
- In der Landeskirche Anhalts
- In Thüringen
- In der Lippischen Landeskirche
- In der Westfälischen Landeskirche
- In der Evangelischen Kirche im Rheinland
- In der Sächsischen Landeskirche
- In der Ev. Kirche von Kurhessen-Waldeck
- In Baden und Württemberg
- In der Evangelisch-reformierten Kirche in Nordwestdeutschland
- In der Selbstständig Evangelisch-lutherischen Kirche (SELK)
Andere Kirchen planen, das Signet einzuführen. Damit ist der Abschluss eines Vertrages mit der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers und die einmalige Entrichtung einer Schutzgebühr verbunden.
Über die Verbreitung des Signets für verlässlich geöffnete Kirchen informieren die Internetseiten www.offene-kirchen.de (Hannover) und www.offene-kirchen.info (NRW) mit Listen der geöffneten Kirchen.
3. Erfahrungen und flankierende Angebote
Erfahrungen in der Lüneburger Heide, die eine hohe Dichte verlässlich geöffneter Dorfkirchen aufweist, zeigen, dass Befürchtungen, die Kirchen könnten Raub und Zerstörung schutzlos ausgeliefert sein, unbegründet sind. In acht Jahren ist kaum Negatives passiert. Das Signet ist längst nicht mehr auf touristisch bedeutsame Kirchen beschränkt. So öffnete die St. Georgsgemeinde in Mellendorf ihre Kirche, weil sie am Weg zum örtlichen Einkaufszentrum und gegenüber dem Kindergarten liegt. Das Angebot wird gut angenommen. Die oft nicht nur im Sommer verlässlich geöffnete Kirche animiert auch Einheimische, ihre Kirche auf andere Weise zu nutzen, als im Protestantismus üblich. Die Kirche am Weg wird neu belebt, Menschen kehren „nur mal kurz“ ein, um die Stille zu genießen und zu beten, Gemeindegruppen beschäftigen sich mit Angeboten für Gäste, und oft erwacht der Wunsch nach einer Ausbildung für eine kompetente, kirchenpädagogisch inspirierte Kirchenführung. Die übergroße Nachfrage nach Kirchenführerausbildungen in der Hannoverschen und anderen Landeskirchen spiegelt dies gewachsene Interesse wieder. Die Hannoversche Landeskirche hat auch mit der personellen Stärkung der Kirchenpädagogik und einem Netzwerk von Sprengelbeauftragten der gewachsenen Bedeutung der Kirchenräume Rechnung getragen.
Das Fachgebiet Kirche im Tourismus hat sich im Rahmen seiner personellen und materiellen Möglichkeiten die weitere Förderung von Kirchenöffnergruppen, der Qualifizierung von Stadt- und Gästeführerinnen und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zur Aufgabe gesetzt.
Pastor Christian Cordes, Kirche im Tourismus in der Lüneburger Heide, Betzendorf.